Ein Jahr Mindestlohn – eine Zwischenbilanz

21. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Arbeit, Job und Karriere

Am 1.Januar 2015 wurde in Deutschland der gesetzliche Mindestlohn eingeführt. Er beträgt derzeit 8,50 € pro Stunde. Vor der Einführung wurde viel über die Vorteile und Nachteile gestritten. Die Arbeitgeber warnten vor einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen. Wirtschaftswissenschaftler sahen bis zu 900.000 Jobs in Gefahr. Die Redaktion von Arbeit-in.info hat schon früher auf die positiven Seiten des Mindestlohnes hingewiesen.
EurosZum einen ist es einfach eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und fairen Ausgewogenheit, wenn Menschen für ihre harte Arbeit zumindest einigermaßen vernünftig bezahlt werden. Dabei sehen wir einen Lohn von 8,50 € noch keinesfalls als auskömmlich an, wenn man in einem teuren Land wie Deutschland leben will und vielleicht sogar eine Familie zu ernähren hat. Zum anderen gehen natürlich von einem gestiegenen Einkommen dieser Beschäftigungsgruppen auch für die ganze Binnenwirtschaft positive Signale aus, weil die gestiegene Kaufkraft der Arbeitnehmer natürlich auch Auswirkungen auf den Konsum hat. Damit profitieren auch wieder andere in Form von Umsatzsteigerungen.
Nach einem Jahr Mindestlohn wollen wir nun den Versuch einen kurzen Zwischenbilanz wagen. Ist nun der befürchtete Abbau von Arbeitsplätzen eingetreten? Sogar das arbeitgebernahe „Institut der deutschen Wirtschaft“ muss zugeben „bisher hat die Einführung des Mindestlohnes kaum Jobs gekostet“. Allerdings ist es für eine abschließende Beurteilung noch zu früh. Sicher hat die freundliche Wirtschaftslage auch einen positiven Effekt auf die Beschäftigungssituation. Alleine durch die billigen Ölpreise konnten die Autofahrer in Deutschland beispielsweise 10 Mrd. Euro sparen und das so gesparte Geld für andere Dinge ausgeben.
In folgenden Branchen profitieren die meisten Beschäftigten von der Lohnanhebung: Gastgewerbe, Einzelhandel, Nahrungs- und Genussmittel, sonstige Dienstleistungen, Verkehr und Land- und Forstwirtschaft. Bei näherer Betrachtung dieser Branchen wird schnell klar, dass es hier ja auch kaum zu einer Verlagerung dieser Jobs ins billige Ausland kommen kann. Auch wenn diese Beschäftigten nun etwas mehr Geld verdienen, wird weder das Restaurant nach China verlagert noch künftig der Frisör in Indien die Haare schneiden. Die Jobs bleiben hier und der Kunde muss eben etwas mehr Geld für diese Leistungen berappen. Natürlich gibt es in Einzelfällen durchaus Situationen, wo eine kleine Firma die Mehrkosten nicht tragen kann oder nicht tragen will und sich deshalb umorientiert. Solche Effekte hat es aber auch ohne Mindestlohn immer schon gegeben.
Es gibt aber auch eindeutige negative Auswirkungen des Mindestlohnes. So ist der bürokratische Aufwand für die Arbeitgeber deutlich gestiegen und verursacht so verständlichen Ärger. Auch versuchen manche Arbeitgeber mit trickreichen Ideen den Mindestlohn auszuhebeln. So werden beispielsweise Bereitschaftszeiten nicht als Arbeitszeit gewertet, Trinkgelder als Lohn angerechnet oder Mehrarbeit nicht vergütet.
Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission überprüft regelmäßig eine eventuelle Anhebung des Mindestlohnes. Die erstmalige Überprüfung des Mindestlohnes erfolgt zum 30. Juni 2016. Ein erhöhter Mindestlohn würde dann zum 1. Januar 2017 wirksam. Manche Experten diskutieren eine Anhebung auf 10,- €, allerdings ist diesbezüglich noch nichts entschieden und es kann alles auch ganz anders kommen. Die Kommission wird eine sorgfältige Balance finden müssen zwischen der Beschäftigungssicherung und einem fairen Lohn, der sich an der allgemeinen Lohnentwicklung orientiert.
Fazit unserer Zwischenbilanz: bisher überwiegen die Vorteile im Sinne eines gerechteren Lohnes. Ein größerer Abbau von Arbeitsplätzen ist bisher nicht festzustellen.

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